Markus und Fabian teilen sich eine Wohnung in Bozen. Und sie teilen die Leidenschaften, leidenschaftlich zu diskutieren und pointiert zu schreiben. In ihrer Küche wird über kompletten Nonsens genauso gerne diskutiert wie über die aktuelle Weltpolitik (nur gekocht wird dort nicht so oft). Ähnlich soll es in diesem Blog passieren.
Das Konzept: beide schreiben einmal pro Monat mit einer vorgegebenen Zeichenzahl ihre Meinung zu einem vorgegebenen Thema. Eine Woche nach Veröffentlichung wird abgerechnet: wer hat mit seinem Text mehr Views und Likes erreicht?
Der Verlierer muss den Müll runterbringen. Der Gewinner darf das Thema für den nächsten Monat bestimmen. Vorschläge dürfen natürlich auch von euch Lesern kommen.
Gute Unterhaltung beim „Battle of Blogs“!

Mittwoch, 22. März 2017

Tatort – Lagerfeuer der Nation und Spiegel der Gesellschaft (Markus)



Tatort: Sechs Buchstaben, 90 Minuten. 47 Jahre Fernsehgeschichte, 47 Jahre deutsche Geschichte. Über 1.000 Sonntage mit Mord. Als 1970 der erste Tatort lief, war Willy Brandt Bundeskanzler, Jochen Rindt war Formel 1-Weltmeister und 0,5 Liter Bier haben 70 Pfennige gekostet. Das muss lange her sein.

Die deutsche Gesellschaft hat sich stark gewandelt in den letzten Jahrzehnten, und der Tatort als ihr Spiegel hat sich mitgewandelt. Nur so konnte er überleben. Mehr als nur das: Jetzt, wo es kein „Wetten, dass“ mehr gibt, ist der Tatort – neben der Nationalmannschaft – das letzte verbliebene Lagerfeuer der Nation.

Jeder Generation ihr Medium: Den Großeltern das Radio, den Eltern das Fernsehen, uns das Internet – aber alle schauten und schauen wir Tatort. Am Sonntag um 20:15 Uhr. Wie wenn es kein Time-Shift und kein Mediathek-Streaming gäbe. Die Älteren haben sich vielleicht etwas mehr auf die Mörderjagd konzentriert, während wir Jüngeren auch die lustigsten Twitter-Kommentare auf dem Second Screen im Blick haben; unsere Eltern schauen den Tatort in der Regel zu zweit, wir schauen ihn gemeinsam mit Freunden, durchaus auch beim „Public Viewing“ in der Kneipe – selbst die Art, Tatort zu schauen, ist ein Spiegel unserer Gesellschaft und der unterschiedlichen Generationen. Aber am Sonntagabend mit einem Glas Wein in der Hand auf der Couch sitzen und Tatort schauen, das ist und bleibt Deutschland.

Mein Vater war von Anfang an dabei, er hat Timmel 1970 im Taxi nach Leipzig fahren sehen. Ich bin irgendwann in meiner Vor-Abi-Zeit eingestiegen, als mit Bienzle und Palu noch die alte Bundesrepublik das Fernsehprogramm dominierte, mit Ritter/Stark und Dellwo/Sänger aber auch schon das 21. Jahrhundert auf dem Bildschirm Einzug hielt.

Wenn man Sonntag für Sonntag Tatort schaut, merkt man gar nicht, wie sehr die Kriminalfälle den Wandel der Gesellschaft spiegeln. Erst im Rückblick wird klar, wie wir uns verändert haben: Wenn man zum Beispiel einen Schimanski von 1988 schaut und sich wundert, warum er in die Telefonzelle rennt, statt einfach das Handy aus der Tasche zu ziehen.

Wenn man wissen will, wie Deutschland im Jahr X aussah oder aussieht, sollte man einen Tatort aus dem Jahr X schauen. Wunderbare, unterhaltsame Zeitdokumente. Wie schön gemütlich Deutschland und seine Verbrecher früher waren! Heute gibt es hingegen Handys, Internet, Überwachung, Drohnen und künstliche Intelligenz – kein relevantes Thema, das nicht schon mal im Tatort aufgegriffen wurde. Und trotzdem überrascht er immer wieder mit neuen Inhalten. Ein bisschen Sozialkritik darf schon sein. Humor auch. Und Spannung sowieso. Wenn alles zusammenkommt, dann ist es ein guter Tatort. Wenn stattdessen nur wilde Action zu sehen ist, dann ist es ein Til-Schweiger-Tatort.

Das who is who der deutschen Schauspielerei war schon einmal Tatort-Kommissar: Gustl Bayrhammer, Manfred Krug, Götz George, Hannelore Elsner, Jan Josef Liefers, Joachim Król, Nora Tschirner usw. Und weil es anscheinend nicht so viele deutsche Schauspieler gibt, hat Martin Brambach in elf (!) verschiedenen Tatort-Fällen als Nebendarsteller mitgewirkt, bevor er 2016 in Dresden zum Kommissariatsleiter wurde.

Erst 1981 gab es (mit Hanne Wiegand) die erste Frau als Ermittlerin – die später von ihren Kollegen aus dem Job gemobbt wurde. Heute wundert sich niemand mehr über weibliche Ermittler – in Dresden gibt es sogar das erste Frauen-Duo. Dortmund (wo auch sonst?) hat uns mit Nora Dalay alias Aylin Tezel die erste Kommissarin mit türkischem Migrationshintergrund beschert, in Köln (wo auch sonst?) gibt es endlich den ersten bekennenden Homosexuellen. Und von den Einzelkämpfer-Kommissaren haben nur Lindholm und Murot überlebt – im 21. Jahrhundert arbeitet und ermittelt man eben im Team. Der Tatort als Spiegel unserer Gesellschaft.

Das Private und insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielen im Tatort heute eine viel größere Rolle. Früher ist Bienzle von der Arbeit nach Hause gekommen, hat den Hut und somit die Arbeit an die Garderobe gehängt, von Hannelore gab es Begrüßungskuss und Abendessen und die Welt war wieder in Ordnung. Heute ist Anna Janneke mit ihrer rund-um-die-Uhr-Doppelrolle als Patchwork-Mama und Kommissarin komplett überfordert, und es ist irgendwie überhaupt nichts mehr in Ordnung – der Tatort als Spiegel unserer Gesellschaft.

Der Tatort zeigt nicht nur den Wandel unserer Gesellschaft, er zeigt auch die Vielfalt der deutschen Gesellschaft. Das raue Duisburg von Schimanski und Thanner, das multikulturelle Köln von Ballauf und Schenk, das kühle Kiel von Borowski und Brandt, das verschrobene Franken von Voss und Ringelhahn – das alles ist Deutschland. Der Dialekt der saarländischen Sekretärin, die Fußballbegeisterung von Kossik, der Humor von Thiel und Boerne – das alles ist Deutschland.

Natürlich unterscheidet sich die Qualität von Woche zu Woche. Wenn der Tatort aus Wiesbaden oder Dortmund kommt, dann können auch HBO-Serien nicht mithalten. Wenn Ludwigshafen und Konstanz laufen, kann man sich wenigstens 90 Minuten lang über den schlechten Tatort auslassen. Aber auch wenn der Tatort nicht immer überzeugen kann: Routine tut gut in einer scheinbar aus den Fugen geratenen Welt. 90 Minuten ohne E-Mail-Terror und ohne islamistischen Terror. Einfach nur mit einem Mord und einem Glas Wein. Am Anfang spielt Udo Lindenberg Schlagzeug, und am Ende wird der Mörder gefunden und die Welt ist gerettet. Seit 47 Jahren.

Tatort: 6 profane Gründe für den Mordserfolg (Fabian)

Der Erfolg des Tatort ist ein nahezu unbeschreibliches Phänomen. Nahezu! Dabei gibt es unzählige Erklärungsversuche. Wärend die einen behaupten der Erfolg beruhe auf einer ziemlich genauen Abbildung der deutschen Gesellschaft deckt dieser Blogartikel die simplen Motive auf die den Erfolg der Krimireihe ausmachen.  
Tatort: 6 profane Gründe für den Mordserfolg

Erfolg durch Gesellschaftskritik? Wohl eher nicht.

Wohl um den nahezu unheimlichen Erfolg zu erklären hält sich hartnäckig die These, der Tatort sei deshalb so beliebt, weil er die Komplexität der Gesellschaft abbildet, weil er sozusagen deren Spiegel ist. Was für eine elitäre Theorie. Zunächst gibt es ja nicht „den Tatort“; jeder Rundfunk hat andere Drehbuchschreiber, Drehorte und Schauspieler.

Zudem ist ein Krimi per se nie ein Abbild der Gesellschaft. Knapp 300 Morde gibt es jährlich in Deutschland. Die Tatort-Reihe kommt im Jahr 2016 auf 162 Morde. Deutschland, Land der Mörder und Zuhälter, möchte man meinen, wenn man die Gesellschaft anhand des Tatorts rekonstruieren möchte. Dazu kommt: währen die Anzahl der Morde in der „echten“ Gesellschaft stetig abnimmt (-40% in den letzten 15 Jahren) nimmt sie im Tatort immer weiter zu (2016 war das „blutigste“ Jahr überhaupt).

Regisseure, Drehbuchschreiben und Rundfunkanstalten müssen Erfolge produzieren. Für Millionen von Zusehern. Und Millionen bekommt man nicht durch para-akademische Milieukritik vor den Bildschirm.

6 profane Gründen die uns an den Bildschirm fesseln

Der Erfolg des Tatorts lässt sich mit 6 eher simplen Gründen erklären. Tatort, das ist eine Krimireihe der Gegensätze. Sie ist sowohl abwechslungsreich als auch kontinuierlich, gleichermaßen vorhersehbar wie überraschend und ebenso altbacken wie modern.

1.      Abwechslungsreich: „Den Tatort“ gibt es nicht. Jeder Drehort hat seine abgegrenzte, in sich abgeschlossene Handlung. Und jede ist unterschiedlich. Altbacken-traditionell in Köln oder München, skurril in Münster, unterhaltsam in Dortmund, sozialkritisch in Berlin und so weiter. Es ist Teil der Faszination, dass es jede Woche um einen anderen Aspekt geht. 20 Shades of Krimi könnte man sagen – nicht nur dass jeder Geschmack dadurch abgedeckt wird: jeder hat seinen Favoriten. Das sorgt für Gesprächsstoff am Montag im Büro. 

2.      Kontinuativ: Nein, das ist kein Gegensatz zu Punkt 1. Die Krimireihe schafft es vielmehr den Bogen zwischen den 2 Punkten zu schlagen. Mal ehrlich: wie viele Fernsehfilme mit fortlaufenden Handlungen gibt es im deutschen Fernsehen? Ok, auch der Tatort hat keine Cliffhanger a là Breaking Bad, aber meist einen Handlungsstrang der über 90 Minuten hinausgeht. Im Unterschied zu so gut wie allen anderen Krimis im TV. Dies sorgt für Spannung, dafür dass sich Insider noch tiefer drin fühlen und dafür dass sich echte Charaktere entwickeln können.

3.      Vorhersehbar: Am Anfang wird gestorben, mittendrin wird aufgedeckt, am Ende ist alles gut. Wenn es eine Beschreibung für „den Tatort“ gibt, dann diese. Was trifft die deutsche Seele besser als diese Abfolge. Man geht den Dingen auf den Grund, findet raus dass etwas ziemlich falsch läuft und bringt es in Ordnung. Wenn es sehr kompliziert ist, spricht Anne Will in gediegener Runde noch eine Stunde darüber. Wenn dann wirklich alles geklärt ist geht’s zum Zähneputzen und dann ab ins Bett. Der Mensch ist eben doch ein Stück weit ein Gewohnheitstier. 

4.      Überraschend: Ein Krimi hat viele Facetten, einige von ihnen kennen wir zur Genüge, andere hauen uns geradezu aus den Socken. Gerade wenn es keine klassische Gangsterjagd oder keinen „Aufklärungskrimi“ gibt, ist der Überraschungseffekt groß. Elemente wie einen Erzähler der durch die Handlung führt, ein Stück-im-Stück oder ähnliches sorgen für die ganz besondere Würze.

5.      Alt: Keine 10 Seiten ist die Bibel alt, bis der erste Mord passiert. Seit Kain und Abels „Tatort“ hat sich nicht viel verändert. Niedrige Motive erklären, in ihrer Einfachheit, einen großen Teil des menschlichen Handelns. Und sie sind so schön Zeitlos und für jeden Verständlich. Meine Oma kann sich genauso gut eine eifersüchtige Ehefrau vorstellen wie es ein Handwerker im Mittelalter konnte oder ein IT Ingenieur der Zukunft können wird. Darauf baut der Sonntagskrimi, unverändert seit mehreren Jahrzehnten.

6.      Neu: Es gibt wenige Fernsehereignisse, die es in den Twittertrends ganz nach oben schaffen. Neben Sportübertragungen und dem Dschungelcamp wohl nur Tatort. Da werden laufend Handlungen kommentiert, schlechte Ausgaben verrissen und es wird laufend kommentiert. Man hat den Eindruck, Tatort wird in Zeiten von Onlinemediatheken nur deshalb pünktlich um 20.15 angesehen, damit man ihn auf dem Second Screen auf Twitter verfolgen kann.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Warum ich nicht bei Amazon kaufe (Markus)


Verödete Innenstädte, arbeitslose Verkäuferinnen, aussterbende Geschäfte: Daran ist weder Angela Merkel schuld, noch „die Ausländer“, noch die SPD. Sondern Menschen wie Sie und ich, die gerne online shoppen.

Ich kenne Julia vor allem von den alljährlichen Faschingssitzungen der KGS – dem lustigsten Anlass, in mein Heimatdorf Schöllkrippen zu fahren. Manchmal sehe ich sie auch in der Lesekatze, dem Buchladen in meinem Heimatdorf. Dort kann man stöbern, sich von Julia und ihren Kolleginnen beraten lassen und schöne Bücher kaufen. Oder man bestellt im Online-Shop der Lesekatze und holt die Bücher in der Filiale ab. Oder man lässt sich die Bücher nach Hause liefern. Fast so wie bei Amazon. Nur in sympathisch*. 

Anders als Amazon organisieren die Damen von der Lesekatze auch kulturelle Veranstaltungen. Real-World und Face-to-Face und so. Von StandUp Lesung über Literaturwanderung bis FrauenLeseNacht. Es sind Veranstaltungen wie diese, die das Leben auf dem Land lebenswert machen. Wenn es schon kein Kino und keine Konzerthalle gibt, dann wenigstens einen irischen Krimiabend.

Schwimmbad und Sportplatz gibt es in meinem Heimatdorf auch – aber nur, weil es Unternehmen gibt, die Steuern zahlen. Und zwar dort, wo sie Umsatz machen. Amazon gehört da leider nicht dazu.

Viele Menschen kaufen Ihre Bücher und sonstigen Kram trotzdem lieber bei Amazon. Weil es so schön bequem ist. Und weil sie scheinbar viel Geld sparen (was bei Büchern ja überhaupt nicht zutrifft, Stichwort Buchpreisbindung). Und weil sie scheinbar Zeit sparen (wie oft sind Sie schon am Postschalter in der Schlange gestanden, um ein online bestelltes Päckchen abzuholen?). Und weil ihnen Datenschutz völlig schnuppe ist (haben Sie schonmal bei „Liste finden“ auf Amazon die Mailadressen von Freunden und Verwandten eingegeben?)**.

Wenn man seine Bücher und Klamotten und Damenbinden und Olivenöl und Funklautsprecher bei Amazon kauft, dann hat man zwar teilweise einen persönlichen Nutzen. Aber man trägt aktiv zur Verödung der Innenstädte bei. Und zu den nervigen Lieferfahrzeugen, die ständig die Fahrradspur vollparken. Man sorgt dafür, dass kleine Innenstadtgeschäfte durch gesichtslose Lagerhallen auf der grünen Wiese ersetzt werden. Und dafür, dass Verkäuferinnen und Schauwerbegestalter ihren Job verlieren. Dafür, dass Bücher und andere Produkte nur noch gerankt und vermessen und ausgewertet werden – und nicht mehr geliebt und geschätzt. Kurzum: Dafür, dass unser Sozialleben immer häufiger mit einem A beginnt. 

Die Konsumenten haben die Macht. Sie entscheiden, ob sich ein Einkaufszentrum rentiert und ob der kleine Laden um die Ecke überlebt. Ob wir unser Leben im Cyberspace verbringen wollen oder in einem attraktiven öffentlichen Raum. In Amerika mit seinen pervertierten großflächigen Einzelhandelsstrukturen betreibt Amazon mittlerweile sogar automatische Supermärkte, bei denen die Lebensmittel, die man in den Einkaufskorb legt, automatisch abgerechnet werden. Und alle Kassiererinnen arbeitslos sind. Andere finden das genial, ich finde das asozial. Wenn es in unserem Leben nur um eine algorithmisierte Rationalität ginge, dann könnten wir uns gleich durch Roboter substituieren lassen. 


Bevor ich mich zu sehr zum Moralapostel aufschwinge: Ich muss gestehen, dass ich mittlerweile selbst auch wieder einen Amazon-Account habe. „Audible“ ist einfach ein tolles Angebot für Hörbuch-Freunde, das noch niemand anders offeriert. 150.000 Hörbucher im Angebot, eines pro Monat im Abo: Einzigartig. Aber so wie dem „Kindle“ der sympathischere „Tolino“ gefolgt ist, wird „Audible“ vielleicht auch bald die „HörBar“ folgen, in der man  150.000 Hörbücher bestellen und mit einem Teil seiner Abogebühr einen Buchhändler seiner Wahl unterstützen kann

Das wäre eigentlich eine tolle Geschäftsidee. 

Aber soll bitte jemand anders gründen. Ich verbringe meine Freizeit lieber damit, Bücher zu lesen.

Bücher, die ich irgendwo gekauft habe.

Hauptsache nicht bei Amazon.


P. S.: Martin Schulz, ein gelernter Buchhändler, könnte der nächste deutsche Bundeskanzler werden. Können Sie sich einen gelernten Amazon-Algorithmen-Optimierer, der nur Zahlen und keine sozialen Kontakte kennt, als Kanzlerkandidat vorstellen?

* Selbstverständlich gibt es noch viele andere sympathische Amazon-Alternativen, z. B. die Osiandersche Buchhandlung, die Bücher klimaneutral per Lastenfahrrad ausliefert.

**Ok, ich gebe zu, das mit dem Datenschutz ist kein Argument. Den gibt es in der Dorf-Buchhandlung auch nicht. Wie schreibt Juli Zeh in Unterleuten so treffend: „Man musste nur ein handelsübliches Dorf besuchen, um zu verstehen, was der gläserne Mensch tatsächlich war.“ Unterleuten ist übrigens ein großartiges Buch – das man natürlich auch bei derLesekatzebestellen kann.

gesehen in: Istanbul

Warum ich gerne bei Amazon kaufe (Fabian)

Ich gehöre laut gängiger Definition wohl zur dunklen Seite der Gesellschaft. Und das nicht weil ich ab und zu mit dem Fahrrad ohne Licht fahre oder meinen Teebeutel samt Metallklammer in den Biomüll werfe.

Ich kaufe bei den bösen Jungs: nicht bei denen im Bahnhofspark – viel schlimmer! Artikel von A bis Z bieten sie an und in wenigen Jahren haben sie es geschafft, den Handel komplett umzukrempeln.

„Pfui!“ werdet ihr jetzt sagen. Amazon gefährde Arbeitsplätze und verdränge den wunderschönen, alten, traditionellen Handel. Und wie schön es doch sei, in einen klassischen Buchladen zu gehen und an klassischen Büchern zu riechen.

Es gibt viele Gründe, warum ich das anders sehe. Abgesehen davon, dass auch im schönen alten Handel mit sehr harten, kapitalistischen Bandagen gekämpft wird und es sehr viel weniger romantisch zugeht als so mancher glaubt gibt es sehr viele gute Argumente für e-Commerce im Allgemeinen und Amazon als einer seiner Speerspitzen.

Nostalgie oder Fortschritt?

Was die ach so gut riechenden Bücher betrifft: Ich habe noch niemanden kennengelernt, der ein Kindle gekauft hat und nachher auch nur einen Gedanken an die dicken Schwarten an Papier verschwendet hat (wo ein Megabyte Text noch 1000 Seiten benötigt und 3kg wiegt). Johannes Guttenberg hätte seine Bibel wohl kaum mit Druckerpressen hergestellt, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, sie auch in seinen Laptop zu tippen und über digitale Kanäle zu vermarkten.

Die Revolution und ihre Früchte

Sich gegen den Fortschritt zu stellen, weil er den Status quo gefährdet, das hat uns noch nie weitergebracht – und das hat auch noch nie funktioniert.

Kaufen wir beim kleinen Laden um die Ecke und bilden uns ein, dann bliebe alles so, wie in der guten alten Zeit? In dem Fall verzichten wir am besten auch auf automatisch gefertigte Güter wie PKWs, Fernseher oder Kühlschränke. Die Maschinen, die für ihre Herstellung verwendet wurden, haben Millionen von Menschen arbeitslos gemacht. Verwenden wir doch auch kein Online-Banking mehr und keine Geldautomaten – wir gefährden damit die Bankbeamten existentiell. Oder unsere Kleidung: am besten tragen wir nur noch Bekleidung die ein Schneider in Handarbeit gefertigt hat. Wir müssen nur sicher gehen, dass er keine Nähmaschine verwendet hat – diese hat nämlich mindestens einen Assistenten ersetzt.

All die Revolutionen der vergangenen Dekaden hatten ihre Schattenseiten, brachten neben Gewinnern auch Verlierer hervor. All diese Revolutionen haben aber auch dafür gesorgt, dass die heutige Mittelschicht viel besser lebt, als der Hochadel vor der 1. Industriellen Revolution. Von den Arbeitern ganz zu schweigen. Heutige Standards in Medizin, Mobilität, Kommunikation – all das wäre ohne die Amazons der Vergangenheit nicht möglich gewesen.

Die Revolution und ihre Feinde

An Lobbys, die aktuelle Veränderungen bekämpfen, mangelt es nicht. Verlage und Plattenlabels fürchten um ihre Vormachtstellung, ebenso wie es die Kirche tat, als der bereits zitierte Gutenberg die Bibel verbreitete. Und Brick-and-Mortar Einzelhandelsketten folgen entweder der Digitalisierung oder stellen sich gegen sie.

Wir können versuchen, die 4. Industrielle Revolution zu bekämpfen – aber abgesehen davon ob es überhaupt möglich ist: sinnvoll ist es nicht.

Die Revolution und ihre Chancen

Jede Revolution hatte ihre Zugpferde (Transatlantic Railway, Ford, Toyota etc.), die zunächst mal für sehr viel Verwirrung gesorgt haben. Zugleich haben sie aber dafür gesorgt, dass Kundenbedürfnisse besser gedeckt werden können, dass Grenzkosten sinken und mehr Menschen an Konsumprodukten teilhaben können. Dieses Mal wird es nicht anders sein. Man denke an das Potential des e-Commerce für die alternde Gesellschaft. Als Gegenpol für die Landflucht. Als Fanal dafür, dass man nicht zwanghaft in der Innenstadt der Hauptstadt wohnen muss, um dazuzugehören, um das konsumieren zu können wovon alle sprechen.

Klar, in einigen Branchen wird die zunehmende Digitalisierung Arbeitsplätze kosten. An anderer Stelle werden aber Arbeitsplätze entstehen, etwa im Projektmanagement, in der Logistik, im e-Kundendienst oder in neuen Anwendungsbereichen des digitalen Marketings um nur einige zu nennen. Oder, um das nicht zu vergessen, die Chancen für kleine, lokale Hersteller die ihre Produkte online vertreiben wollen. Amazon übernimmt - gegen Kommission - Lagerung, Vermarktung und Vertrieb. Eine gigantische Gelegenheit für jeden, vom Pantoffelschneider bis zum handwerklichen Möbelproduzenten – hier eröffnen sich für neue Welten.

Ein letzter Satz noch: Amazon, wie jedes privat organisierte Unternehmen, ist keine Gruppe von Philanthropen. Nichts was Jeff Bezos macht, geschieht aus Nächstenliebe. Aber auch utilitaristische Entscheidungen können sehr viel Sinnvolles bewegen und echte Win-Win Situationen kreieren. Es sind diese Entscheidungen die am Ursprung jeder Revolution standen.

Im diesen Sinne: Ich freue mich auf die Zukunft. Und ich kaufe gerne bei Amazon.

Samstag, 7. Januar 2017

Jahresrückblick 2017: Ein Prä-Faktischer Rückblick (Fabian)

Die 5 wichtigsten Ereignisse 2017, die ihr nicht verpasst haben dürft.

Das dürft ihr 2017 nicht verpasst haben.

Wozu gibt es eigentlich einen Jahresrückblick? Damit man sich von irgendwelchen „Experten“ erklären lassen muss, wie man das vergangene Jahr zu finden hat? Aber wem glauben? Und wem nicht? Um dieser schwierigen Situation zu entgehen nun eine Alternative für den Jahresrückblick: der Prä-Faktische Rückblick! Hier findet ihr die 5 wichtigsten Ereignisse 2017, die ihr nicht verpasst haben dürft*.

1. USA

Donald Trump, der mächtigste Mann der Welt. 
Yes, I fucking swear, hell yes“ – mit diesen Worten wurde Donald Trump vereidigt und zog ins Weiße Haus ein. Als er von den Medien auf seine sehr profane Wortwahl hingewiesen wird bestreitet er die Verwendung des Wortes „fuck“ – alles sei von den Sozialisten und Kommunisten konstruiert worden. Seine erste Verordnung, am Tag nach dem Amtsantritt umfasste die Errichtung von Kohlekraftwerken an der mexikanischen Grenze. Ebenso baut Trump auf Windräder – ihre Rotorenbewegung sollen die Abgase über die Grenze treiben.
Kein Land sei so cool wie die Vereinigten Staaten, meint Trump, und ein paar Tonnen Abgase könnten Mexiko auch nicht schlimmer machen. Außerdem sollten die Gase die Einwanderer aufhalten.

2. Südtirol

Benko sei Dank: Von der Skihalle zum Glühweinstand
Südtirols größtes Bauprojekt realisierte der österreichische Immobilienstar Renè Benko. Pünktlich am 8. Dezember eröffnete er die erste Skihalle in den Alpen, am Bozner Waltherplatz. „Endlich kann man direkt von der Piste zu den Souvenirständen und zum Glühwein – Bozen hat sich einen Schritt weiter vom Zerfall entfernt“ so sein Statthalter Peter Hager. Möglich wurde das ambitionierte Bauprojekt dank eines eigens gezimmerten Gesetzes zum Klimaausgleich. Im Gegenzug verpflichtet sich Renè Benko nun, am Virgl zwei Hektar Regenwald anzupflanzen. Damit soll der CO2 Konsum der Skihalle kompensiert werden.

3. Europa

Kann die nächste Amtszeit kaum erwarten: Angela Merkel
Die Demoskopen lagen einmal mehr daneben: Europas Nationalisten mussten transnational Verluste hinnehmen. In Frankreich verpasste Marine Le Pen den Einzug in den Elysee-Palast klar – dort regiert nun Emmanuel Macron. 
In Deutschland hat sich die AfD indes in Flügelkämpfen zerrieben – das straften die Wähler ab, die Partei kam nur auf 8%. Einen Überraschungserfolg verzeichnete Die Partei von Martin Sonneborn, die mit 11% in den Bundestag gewählt wurde. Die Große Vorsitzende Angela Merkel hat ihren Zentralrat in der Koalition mit der SPD gebildet und freut sich auf weitere Jahre der Kontinuität, gemäß ihrem Wahl-Slogan „Auf dass alles so bleibt wie es ist“. 
In Italien hat sich die Bewegung Movimento 5 Stelle von Beppe Grillo noch vor den Wahlen aufgelöst. Die Anhänger von M5S fanden Zuflucht in den etablierten Parteien. Das Land wird nun in einer Links-Koalition unter Vorsitz von Enrico Letta geführt. Silvio Berlusconi ruft mit seinem neuen „Chi se ne frega“ Bündnis zu einer Regierungsumbildung auf. 3 der letzten 4 Regierungen seien nicht gewählt worden, dieser Tradition solle man treu bleiben.
Ein Zusammenhang zwischen den Wahlergebnissen und möglichen Hackerangriffen, wie er kurz nach den jeweiligen Wahlen ins Feld geführt wurde, ist unwahrscheinlich, so das neu geschaffene europäische Amt für IT-Wahlbeobachtung CHEAT (Communitarian House for Election Administration Technology).

4. Österreich

HC Strache fordert: "Schluss mit dem Piefken-Stau!"
Freie Fahrt statt Piefken am Start!“ liest man auf den Wahlplakaten der FPÖ in ganz Österreich. Dahinter steht die Forderung für ein Fahrverbot für Bürger der BRD. „Jedes Wochenende kommen sie mit ihren SUVs und verstopfen unsere Pässe, Bundesstraßen und Autobahnen – wir fordern: Schluss damit!“ so HC Strache im ZiB2 Interview. Notfalls wolle man dieses Fahrverbot auch mit dem Bundesheer durchsetzen. Während die Grünen darin eine nachhaltige Lösung der Klimaproblematik sehen, hat sich Bundeskanzler Kern mit der Idee noch nicht vollständig angefreundet. Er prüft aber die testweise Einführung der Blockabfertigung ausschließlich für deutsche PKWs.

5. Weltpolitik

Donald Trump begeistert: "Sizilien ist ein cooler Staat"
Ende Mai trafen sich 7 Politiker wichtiger Wirtschaftsnationen zum G7 Gipfel in Taormina in Sizilien. „Schön ruhig ist es hier“ freut sich Angela Merkel; abseits der Weltöffentlichkeit fühle sie sich stets wohl – in Taormina ebenso wie in Sulden. Italiens Premier Gentiloni pries Sizilien als ein Beispiel an, wie sich ganze Regionen weitgehend unabhängig verwalten können. „Bürokratie wird hier kleingeschrieben, wir stehen hier in einer Region der Macher“ so Gentiloni. Auch Donald Trump fühlte sich sichtlich wohl auf der Insel. Wenn er hier durch die Straßen laufe, sehe er bei vielen Menschen eben jenen Geist der zum Aufbau großer Unternehmen benötigt werde. „In einem Staat wie Sizilien sehe ich viele Beispiele, wie man Amerika wieder groß machen kann“, so der US Präsident.

*(Die korrekte Prä-Faktische Zeitform die ich hier verwende nenne ich Prätur, als Kombination aus Präsens und Futur).



Jahresrückblick 2017: Ein Jahr der Jubiläen und politischen Verrücktheiten (Markus)


10 Jahre iPhone, 100 Jahre Giro d’Italia, 200 Jahre Fahrrad, 500 Jahre Reformation, 700 Jahre Meran. Und die Berliner Mauer ist jetzt genau so lange gefallen wie sie einst stand. 2017 war ein Jahr der Jubiläen. Und der politischen Verrücktheiten. Nun ist es vorbei.

Im Vergleich zum Vorjahr war 2017 ein Jahr des Friedens und des Lebens. Weniger tote Prominente, weniger Terroropfer und endlich ist der Krieg in Syrien vorbei (und der im Jemen auch, aber für den haben sich die westlichen Medien ja nie so sehr interessiert wie die westlichen Waffenexporteure).

Was waren die Höhepunkte des Jahres 2017? Wir erinnern uns gerne zurück an das Fernsehereignis des Jahres, die MDR-Show „Flüchtlinge gegen Sachsen“, in der syrische Flüchtlinge sächsische Frohnaturen insbesondere bei Geschichtswissen und deutscher Sprachkompetenz geradezu an die Wand gespielt hatten.

Das musikalische Highlight des Jahres 2017 war die Wiedervereinigung von ABBA, mit der mittlerweile fast niemand mehr gerechnet hatte. Aber nachdem die meisten anderen relevanten Popmusiker 2016 gestorben sind, sah sich das schwedische Quartett förmlich gezwungen, wieder gemeinsam aufzutreten. Das hätten sich Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid in den 70ern auch nicht träumen lassen, dass sie einmal in einer „O2 World“ und in einer „Red Bull Arena“ singen werden.

Dass Red Bull, pardon, Rasenballfreunde Leipzig tatsächlich gleich in der ersten Erstligasaison Deutscher Meister wird, das hätten sich auch nur wenige träumen lassen. Gewünscht hatten es sich noch weniger.

Dafür ist ein anderer lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen: Nachdem die alte Garde der FDP im Jahr 2016 vollständig ausgestorben ist, ist die junge Garde der FDP 2017 vollständig zurückgetreten und „aus individuellen, gewinnmaximierenden Überlegungen heraus“ in die Wirtschaft gewechselt. Damit ist die FDP endgültig Geschichte – und die Grünen haben die parlamentarische Vertretung der Besserverdienenden vollständig übernommen.

Das Kanzleramt übernommen hat bekanntlich Martin Schulz. Angela Merkels letzter großer Coup, im Januar 2017 den Kanzlerkandidaten der SPD auszurufen, weil sich die SPD selber nicht auf einen Kandidaten einigen konnte, ist aber nur auf den ersten Blick nach hinten losgegangen: Da Martin Schulz – wie im Januar mit Angela Merkel ausgehandelt, aber erst nach der Bundestagswahl bekannt wurde – in seiner rot-rot-grünen Koalition den konservativen Luxemburger Jean-Claude Juncker zum Finanzminister macht, wird der Sitz des EU-Kommissions-Präsidenten frei. Und den übernimmt nun erstmals eine Frau aus der Uckermark.

Eine andere politische Frau hat ihren großen Traum nicht erfüllen können: Marine Le Pen hat die Stichwahl zur Präsidentschaft verloren, der Gang vor die Hunde wurde in Frankreich also – wie bereits ein Jahr zuvor in Österreich – um eine weitere Legislaturperiode verschoben. Marie Le Pen denkt nun ernsthaft darüber nach, nach Mecklenburg-Vorpommern auszuwandern. Sie lässt sich zitieren mit den Worten: „In Ostdeutschland gibt es fast keine Ausländer, trotzdem hassen alle Ausländer. So etwas habe ich mir für Frankreich immer gewünscht.“ Ob sie sich als Ausländerin in Mecklenburg-Vorpommern wirklich wohlfühlen wird, muss sich zeigen. Der Anfang 2017 von ihr angekündigte Parteizusammenschluss von Front National mit UKIP und Geerd Wilders‘ Freiheitspartei zur „Alternative für Frankreich England Niederlande“ war ja bekanntlich am Akronym gescheitert.

Das Stichwort Affen führt mich zum Abschluss zur CSU: Den Aprilscherz des Jahres 2017 konnte die Süddeutsche Zeitung für sich verbuchen. Ihrer Pushmeldung zufolge hatte der neue US-Präsident Donald Trump beim Blick auf eine Deutschlandkarte gesehen, dass Bayern Teil einer „amerikanischen Besatzungszone“ und er folglich auch Präsident von Bayern ist. Horst Seehofer wurde in der fingierten Meldung zitiert mit „von mir aus kann auch Donald Trump mein Nachfolger werden – Hauptsache nicht Markus Söder.“
Und so lautet als Fazit des Jahresrückblicks auch mein innigster Wunsch für das Jahr 2018: Hauptsache nicht Markus Söder.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

2016, ein Jahr zum Vergessen? (Fabian)

Es schneidet nicht gut ab, das ablaufende Jahr 2016. Wir waren Zeugen des Brexits und des Terrorismus, sahen zu, wie Trump ins Amt und die AfD in die Landtage gewählt wurden, nahmen Abschied von zahlreichen Politikern (Obama, Hollande, Renzi, Cameron) und trauerten um Bud Spencer, Peter Lustig, Muhammad Ali, Prince und Fidel Castro.

Dazu kam die Krise in Syrien, der angebliche Putsch in der Türkei und die Wahl-Posse in Österreich. VW-Autos haben Abgasprobleme und Samsung-Akkus explodieren.
Gab es denn gar nichts Gutes im Jahr 2016? Als notorischer Optimist kann ich nicht umhin, auch auf die vielen positiven Aspekte des Jahres hinzuweisen – nicht selten wohnte in den letzten Krisen vielleicht ja auch der Keim der Hoffnung, aus dem Neues und Besseres wachsen kann.

Der Brexit zum Beispiel, der Europa in seinen Grundfesten erschüttert hat. Er hat der Bevölkerung des Kontinents gezeigt, dass die EU keine Selbstverständlichkeit ist. Dass die Mitgliedschaft einen Preis hat – aber auch einen Wert. Es ist klar geworden: Wir sind nicht gefangen in der EU, sondern wir dürfen diesen großen Dampfer mitsteuern. Zugegeben, er ist schwerfällig und energieraubend – aber er hat das Potential, verdammt weit zu kommen und das auch in unruhigen Gewässern.

Dann wären noch zwei weitere Wahlausgänge: in den USA (Trump) sowie in Sachsen-Anhalt (AfD als zweitstärkste Partei). In beiden Fällen haben die Protestwähler, die so gar nichts anfangen können mit der Politik der Hinterzimmer, der feinen Sonntagsreden, der Alternativlosigkeit, den Ausschlag gegeben. Es sollte nun klar sein, dass die Politik ihre Wähler nicht als lästiges Anhängsel sehen darf, um dessen Stimme man halt alle paar Jahre buhlen muss. Die Bürger, und seien sie noch so besorgt, sind die Basis der Politik.

Der Politiker muss natürlich nicht immer mit den Bürgern einer Meinung sein, er kann ihnen auch widersprechen – dafür muss er sich aber auf deren Ebene begeben und darf nicht von „oben herab“ auf sie einreden. Wenn die Politik diese Lektion gelernt hat, dann treibt der Keim der Hoffnung erste Blüten.

Kommen wir schließlich zum Referendum in Italien. Verfassungsreform verhindert, Renzi weg, Börsen nervös. Doch es hat auch gezeigt: Die Italiener interessieren sich für Politik. Jung und Alt haben sich mit dieser hochkomplexen Materie auseinandergesetzt, haben diskutiert, gestritten und schließlich gewählt. In überraschend hoher Zahl. Und mit überraschend großer Deutlichkeit. Ok, vielleicht war das Nein auch ein Nein zu Renzi, aber es war zugleich auch ein Nein zum Zentralismus, zu einer überhasteten Reform und zu einem Deal: Stabilität im Sinne der Finanzmärkte gegen Demokratie. Auf diese Einstellung kann man aufbauen.

Abschließend noch ein paar gute Sachen, die 2016 passiert sind, von denen aber keiner Notiz genommen hat:
• Der Tigerbestand ist um 22% gestiegen.
• Der Islamische Staat verliert Territorium an all seinen Fronten.
• Die Spenden der Ice-Bucket-Challenge führen zur Entdeckung des Gens, das für ALS verantwortlich ist.
• Der 3D-Druck von Keramik wurde erfunden.
• Leonardo di Caprio gewann (endlich) einen Oscar.